Politische Werbung braucht keine Wahrheit
Der TV-Wahlkampf in den USA besteht zu 90 Prozent aus haltlosen Schmierenkampagnen
“Lass Dir keine gute Geschichte von den Fakten kaputtmachen”: Die Faustregel unseriöser Journalisten hat im Zeitalter der Blogs im Medienwesen keinen Platz mehr.
Dafür scheint sie die politische Werbung in den USA völlig zu beherrschen.
Den Republikanern dürfte John Kerrys Rückzug nach einer missglückten Rede wie ein Geschenk des Himmels vorkommen: Fünf Tage vor den Kongresswahlen fällt der aktuellen Mehrheitspartei nämlich schlicht nichts mehr ein, mit dem sie ein mögliches Debakel an der Urne abwenden könnte - selbst in traditionell konservativen Staaten wie Virginia haben demokratische Herausforderer häufig die besseren Karten als konservative Bisherige.
Kerry hatte vor zwei Tagen auf die Bedeutung von Bildung hingewiesen und gescherzt, wer in der Schule nicht aufpasse, bleibe später im Irak stecken. Das weisse Haus verlangte umgehend, Kerry solle sich bei den Armeeangehörigen entschuldigen - und der glücklose ehemalige Präsidentschaftskandidat erwies sich einmal mehr als wankelmütig, weil er zuerst wütend erklärte, sein Witz habe sich auf die mangelnde Bildung von George W. Bush und nicht auf die Soldaten bezogen - und sich Stunden später dann doch entschuldigte. Seither beherrscht die Geschichte die Schlagzeilen.
Auch wenn amerikanische Wahlkämpfe generell nicht für ihre Sachbezogenheit bekannt sind, halten Beobachter die Zahl der Schmierenkampagnen (auf beiden Seiten) für nie dagewesen - besonders auch, weil viele der Angriffe auf Kontrahenten in TV-Spots sich weitab der Wahrheit befinden.
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Der demokratische Kandidat John Cranley wird in einem TV-Spot der Republikaner als Brutaler Kinderhasser angegriffen: Er habe im Stadtrat für den Einsatz von Tasern gegen 7jährige gestimmt. Bei der Abstimmung ging es darum, das Alter für den möglichen Einsatz des Tasers auf 10 Jahre anzuheben, und fünf der neun Stadträte stimmten dagegen, weil sie fürchteten, Polizisten würden vermehrt Schlagstöcke gegen Kinder einsetzen.
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Der demokratische Staatsanwalt Michael Arcuri wird in New York von den Republikanern angeschwärzt, er habe Steuergelder für Anrufe auf eine Sex-Telefonnummer verprasst. tatsächlich handelt es sich um einen einzigen Anruf: Ein Mitarbeiter hatte sich in der Vorwahl vertan und (wie die Telefonrechnung beweist) eine Minute nach dem Anruf auf die Sex-Nummer die gleiche Nummer mit anderer Vorwahl gewählt. Kostenpunkt für die Steuerzahler: 1.25 Dollar.
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Den Republikaner Clay Shaw bezeichnen die Demokraten in einem TV-Spot als “in einen Drogen-Deal verwickelt”, weil er Aktien eines Medikamentenherstellers gekauft und danach für eine Ausweitung ¨der Deckung von Medikamenten durch Krankenversicherungen gestimmt habe - nur waren die Produkte des besagten Herstellers auch vor der Abstimmung schon kassenpflichtig.
Interessant an all diesen Beispielen ist der Umstand, dass sich die politische Werbung offenbar keinen Deut um den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen scheren muss: Irgendwas bleibt immer hängen. Weit unter der Gürtellinie schmerzt es am meisten, und vielfach sind die plakativen “Botschaften” lediglich Trigger für amerikanische Urängste oder gut getarnte Nahrung für unterschwellige rassistische Tendenzen, etwa, wenn eine anzüglich gekleidete Blondine in einem Spot verkündet, sie habe den farbigen Demokraten Harold Ford anlässlich seines (in den Medien breitgewalzten) Besuchs einer Playboy-Party kennengelernt und zum Schluss zwinkernd in die Kamera haucht “Harold, ruf mich an…”. Der Spot ging sogar Fords Gegner Bob Corker zu weit, der ihn als geschmacklos bezeichnete.
Nicht ohne Hintergedanken, darf man annehmen - denn bisweilen geht die Ladung Schlamm nach hinten los. Im erzdemokratischen Kalifornien darf sich der Republikaner Arnold Schwarzenegger als wiedergewählt betrachten, nachdem der farblose Demokrat Phil Angelides während des ganzen Wahlkampfs nichts über seine Pläne sagte, dafür ständig Arnolds einstige Unterstützung für George Bush hervor hob. Das war selbst dem ultralinken San Francisco Chronicle zu dünn, der in einem Kommentar Schwarzenegger zur Wiederwahl empfahl, der sich seit einer heftigen Ohrfeige der Wählerschaft an der Urne vor einem Jahr um 180 Grad gedreht hat und inzwischen den Eindruck erweckt, er habe die demokratische Agenda selber geschrieben, die seine Regierung Schritt für Schritt umsetzt.
Aber zumindest basiert sein Punktevorsprung auf politischen Fakten.
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