Kleinanzeigen mit Verantwortung
Wenn sich Erwachsene Erotik-Unterbrecherwerbung im Fernsehen anschauen, ist das nicht wirklich ein Problem: Mündige Zuschauerinnen und Zuschauer können mit ihren Früsten und Lüsten mehr oder weniger umgehen.
Anders ist das bei Jugendlichen: Die Bilder sexuell angeblich ständig verfügbarer Frauen, die Werbung für Filme, die ausgefallenste Perversionen als alltäglich erscheinen lassen - all dies ist für sexuell unerfahrene Jungen und Mädchen viel schwieriger einzuordnen.
Das Zürcher Bezirksgericht weist jetzt eine Branche in die Schranken, die ständig die Grenzen des gerade noch Erlaubten auslotet. Und es nimmt jene Medien in die Pflicht, die glauben, ihre Verantwortung höre nach dem Kassieren der Werbeeinnahmen auf.
Das schreibt Peter Johannes Meier in einem Kommentar heute auf der Titelseite des Tages-Anzeigers über die Verurteilung des Geschäftsführers von StarTV wegen Verbreitung von Pornografie (mehr dazu bei persoenlich.com).
Nehmen aber die Zeitungen selbst die angesprochene Verantwortung wahr? Wir testen den Tages-Anzeiger und den Blick:
Bei den über eine Seite füllenden Inseraten der Abteilung Erotik in der heutigen Ausgabe des Tages-Anzeigers steht folgendes:
An unsere Inserentinnen und Inserenten
Der Verlag behält sich vor, Texte, welche die Bereitschaft oder einen Hinweis auf Sexpraktiken ohne Schutz anbieten, oder Texte mit vulgärem oder ordinärem Charakter abzulehnen oder zu ändern (ohne Rückruf an die Auftraggeber).
Verlag Tages-Anzeiger
Geht man die Inserate im Einzelnen durch, so findet man zwar viele spannende Abkürzungen, die in ihrer Bedeutung teilweise rätselhaft bleiben, aber tatsächlich keine Hinweise auf Sexpraktiken ohne Schutz. Wie genau die interne Richtlinie des Tages-Anzeigers lautet, um Texte mit vulgärem oder ordinärem Charakter zu erkennen, bleibt uns verborgen, aber auch wir möchten nicht mit Details langweilen.
Was nicht erschienen ist, kann folglich nicht beurteilt werden, erschienen aber ist das hier:
Ich schreie laut! - Belausche mich dabei!
Zuhören kann der geneigte Telefonbesitzer diesem die Guidelines offensichtlich passierten Service für Fr. 3.13 die Minute.
Die Aufgabe eines Inserates kann per Telefon oder auf e-inserat.ch erfolgen. Das ist ziemlich unkompliziert, aber jemand, der so eine Anzeige schaltet und für die Minimalvariante Fr. 46.80 (inkl. MwSt.) bezahlt, könnte etwas frustriert sein, wenn der gewünschte Text (einmaliges Erscheinen) ohne Rückfrage abgeändert wird. Schliesslich handelt es sich dabei meist um einen treuen Kunde und um ein Mitglied eines der wenigen Segmente der Kleinanzeigen, die auch weiterhin nicht vollständig ins Internet abwandern werden. Aber zu kritisieren gibt es dabei nichts, wahrscheinlich ist ein solches Handling einfach die vernünftigste Variante. Der Tagi nimmt jedenfalls seine Verantwortung wahr.
Noch besser macht es der Blick. Auch in dieser Zeitung finden sich erotische Kleinanzeigen und zwar täglich eine Doppelseite in der Mitte des Sport-Bundes. Eine herunterfallende Ausgabe hat so gute Chancen, auf diesen Seiten zu öffnen. Inserieren kann man per Telefon, per Mail oder hier. Die Minimalvariante ist mit Preisen ab Fr. 129.10 (inkl. MwSt.) teurer, aber auch etwas ausführlicher.
Blick hat ausführliche Weisungen für Erotikinserate, was sicher schon einige Rückweisungen oder Änderungen unnötig gemacht hat. Trotzdem werden auch diese unbegründet und ohne Rückfrage gemacht. In den Richtlinien steht:
Unter einer vulgären Sprache sind Ausdrücke zu verstehen, die in der alltäglichen Umgangssprache, in der Familie oder in der Öffentlichkeit als anstössig empfunden werden.
Ich finde solche Richtlinien angenehm, denn klar können mündige Zuschauerinnen und Zuschauer mit ihren Früsten und Lüsten mehr oder weniger umgehen, ein vollständig liberalisierter Markt aber würde das jetzt schon bestehende ästhetische Problem verschärfen. Wer schon möchte Erotikwerbung im Morgenradio, auf der Titelseite, vor dem Wetterbericht? Ohne gewisse Einschränkungen würden wir noch viel schneller als jetzt von dieser vor Geld strotzenden Industrie überflutet.
Der von Herr Meier geforderte Jugendschutz ist dank oder wegen dem Internet aber so oder so schon längst Geschichte. Ist Google-Resultat #1 für Sex noch informativ, ist Google-Resultat #2 bereits kommerziell. Und viele Eltern oder Lehrer, die ihre Kinder in Kenntnissen über Zugriffsschutz übertreffen, kenne ich nicht.
Währenddessen werden Pornokritiken in Medien weiter salonfähig. Nach den sommerlichen Filmkritiken im Tages-Anzeiger ist vor zwei Wochen auch die taz zu den Rezensenten gestossen und widmet dem Thema ein ganzes Dossier.
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