Medienschelte
Die einen behaupten, die “Journalisten sind selbstverliebt und berichten am Liebsten über ihresgleichen”, die anderen sagen: “Medien berichten über alles, nur nicht über sich selber”. Was stimmt jetzt? Beides? Nichts?
Wir titeln diesen Text Medienschelte, nicht weil es ein besonders schönes oder zeitgemässes Wort ist, sondern weil wir es in letzter Zeit besonders oft gelesen haben. In den Medien.
Es haben beide Aussagen ihre Berechtigung. Ich behaupte: Medienkonsumenten interessieren sich hauptsächlich dafür, was mit dem eigenen Leben zu tun hat und läsen am Liebsten eine Tageszeitung über sich und alle, die sie kennen. Doch ausser dem Radio sind personalisierte Medien bisher Produkte der Zukunft. Nicht anders als seine Leser interessiert sich auch der Journalist für sich und sein Umfeld und berichtet folglich gerne über die eigene Branche.
Es wird hier gesellschaftlicher Egozentrismus unterstellt, doch auch Leute, die lange Texte über scheinbar exotische Themen wie beispielsweise die Entwicklung der usbekischen Wirtschaft im Auslandteil der NZZ verfolgen, haben oft einen persönlichen Bezug zum Thema. Ganz fremde Themen, so meine Wahrnehmung, werden von den Lesern eher zurückhaltend oder erst nach einer Häufung von Beiträgen aufgenommen.
Der Journalist liest und schreibt also gerne über sich und sein Umfeld, doch hat, durchaus nachvollziehbar und ganz wie die grosse Masse, nur wenig Interesse an Selbstgeisselungen. Wie Colin Porlezza im Artikel “Qualitätssicherung durch Selbstbespiegelung” schreibt, kommen auch andere Probleme dazu:
Die Gefahr, von Berufskollegen kritisiert zu werden und selbst als “Opfer” dazustehen, hat einen weiteren qualitätsfördernden Effekt, bringt aber auch Probleme: Häufig kapituliert der Medienjournalismus an der starken Kollegenorientierung – eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.
Je kleiner und vertrauter dieser Zirkel ist, umso schwieriger ist es, frei von der Leber weg die persönlichen Eindrücke zu schildern. Dazu kommen die gewachsenen Strukturen, die nur bestimmte Formen zulassen. Vor allem aber stehen Beziehungen im Wege, die zu gefährden sich der Journalist gut überlegt. Es geht nicht nur um den blühenden Fortlauf der Karriere, sondern auch um Verletzlichkeit. Die eigene und die der anderen.
Colin Porlezza fordert, diesem Konflikt abzuhelfen und den Diskurs der Öffentlichkeit zugänglich zu machen:
Durch eine häufigere Thematisierung könnte der Medienjournalismus Abhilfe schaffen und den Diskurs aus der fachöffentlichen Isolation befreien und der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich machen. Nur wenn die Medien selber derartigen Initiativen zu Publizität verhelfen, werden aus “zahnlosen Tigern” ohne Sanktionspotenzial ernstzunehmende “Wadenbeißer”.
Gut, wer wünscht sich schon “Wadenbeißer”? Aber es wäre eine Möglichkeit: Sich zu öffnen, statt starrköpfig an dem sich durch das Aufkommen von alternativen Medienformen wegbrechenden Informationsmonopol festzuhalten. Porlezza gibt weitere Tipps:
Wer heute Qualitätsjournalismus betreibt, muss dies offensiv kommunizieren. Werbefeldzüge oder PR-Kampagnen genügen nicht mehr, um die gewünschte Rezeption bei den Lesern, Zuschauern oder Hörern zu erreichen. Es bedarf zudem journalistischer Plattformen, die sich glaubwürdig mit Medien und Journalismus beschäftigen und dadurch Orientierungshilfe anbieten.
Dieser Meinung sind wir auch.
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