Web 2.0 - die Wunderwelt des Internet aus Sicht von “Focus”

Peter Hogenkamp, 13. Oktober 2006 09:33 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

Im “Focus” vom letzten Montag (Nr. 41, 9.10.2006) ist die Titelgeschichte “Web 2.0 - Das Mitmach-Netz”. Auf der Titelseite steht: “Wir führen Sie durch die Wunderwelt des Internet”. Die deutschsprachige Blogosphäre hat die Story bisher durchaus verschiedentlich kommentiert, auch kritisch, aber nicht sehr ausführlich. Ich finde, der Artikel hat schon eine kleine Replik verdient.

Focus DasMitmachWeb 2006-10-09

Schade ist, wenn Artikel über das Web nicht im Web veröffentlicht werden. Und noch blöder ist es, wenn man den Artikel dann für 80 Cent kauft, dass man dann ein PDF bekommt, das man ausdrucken kann, womit man wieder genau die gleiche “Funktionalität” hat wie im Heft. Wenigstens eine Linksammlung der im Artikel erwähnten Sites und Personen wäre nicht schlecht.

Medienlese springt ein, zitiert, verlinkt, kommentiert und hinterfragt ein wenig.

www.th-wonderland.de: Tokio-Hotel-Fansite von Franziska Ebert, 18, aus Teltow, und Tina, 16, aus Husum. Die beiden haben sich noch nie gesehen. Bis zu 6000 Besucher am Tag.

Gutes Beispiel, vor allem wegen der Collaboration. Ich bin froh, dass ich nicht mehr 15 bin, und sowas gut finden muss, aber ich soll es ja auch nicht anschauen.

video.google.com/…: Google Video eines Japaners, der seinen Aston Martin V8 Vantage wäscht, trockenpoliert und damit rumfährt, mit japanischem Kommentar.
Artikel-Zitat: (Die Fans) “honorieren die Leidenschaft des unbekannten Asiaten mit der guten Bewertung von viereinhalb Sternen.”

Ist das wirklich das beste Einstiegsbeispiel für ein Youtube-Video? Einer, der noch nie eins gesehen hat, wird vielleicht sagen: Was interessieren mich Aston Martins und Japaner?
Beim Video steht ausserdem, der Herr sei ein “famous japanese automobile writer”, nicht ein “unbekannter Asiate”.

www.shopblogger.de: Shopblogger Björn Harste
“Bis zu 30′000 Besucher lesen am Tag die Supermarkt-Soap. 100 hinterlassen einen Kommentar.”

Wie ist das mit den Zahlen jetzt genau? “30′000 Besucher” klingt wie unique visits, oder? Das wäre ein Menge. Laut Blogcounter hatte shopblogger gestern 8200 Besucher und 18000 Page Impressions.
Und, wie vielw auch immer es sind, von denen hinterlassen genau 100 einen Kommentar? Jeden Tag? Oder wie oft?

“Beim Web 2.0 finden wir weder einen Urvater noch eine zentrale Innovation?, erläutert Trendforscher Willi Schroll von der Essener Agentur Z-Punkt, der eine Studie zum Thema erstellt hat.

Die allerdings noch nicht erschienen ist, kommt erst im “Herbst 2006″.

“Der eigentliche Prototyp und bislang größte Erfolg des Mitmach-Internet ist Wikipedia mit seinen mittlerweile weltweit 3,7 Millionen Mitgliedern.”

3,7 Millionen? “Mitglieder”? Die deutschsprachige Wikipedia spricht von 214′000 registrierten Benutzern.

Generell greift der Artikel oft ins Standardrepertoire journalistischer Phrasen, so bei der Beschreibung von Myspace:

Mit heissen Rhythmen statt coolen Recherchen ziehen die Myspace-Gründer (…) die Web-Jugend in ihren Bann. (…) Während auf Wikipedia die 30- und 40-Jährigen ihr Wissen beweisen, toben sich hier die Jüngeren aus. (…) Sie alle eint die Lust auf Musik.

Ist das so? Natürlich wird bei jedem Profil sofort das Lieblingslied gespielt, aber ist Musik wirklich der zentrale Faktor des Erfolgs? Aus den Kommentaren, die ich bisher zum Phänomen Myspace gelesen habe, kam das nicht so raus. Ich selbst weiss es nicht. Ich habe fünf Anläufe gemacht, mich ein wenig durchzuklicken, es aber nie länger als fünf Minuten durchgehalten. Hatte Angst, meine Augen könnten Schaden nehmen wegen der vielen Animationen.

So lancierte von hier aus die US-Kultband Gnarls Barkley den Hit dieses Sommers. Ihr Song “Crazy” schaffte es auf Platz eins in den britischen Charts, als noch keine einzige CD davon in den Läden lag.

Geht das überhaupt? Wie war es dann Platz 1? Downloads? Kann sein. Die Myspace-Seite von Gnarls Barkley sieht jedenfalls auch nicht viel weniger schlimm aus als die der Millionen Kiddies.

“Viele Bands, auch die Killerpilze, besassen bereits eine Myspace-Seite, noch bevor sie einen Vertrag bei einer Plattenfirma unterzeichnet hatten”, bestätigt Thorsten Klages, Direktor New Media bei Universal Music.

Nun ja, das verwundert eigentlich nicht weiter. Dass man zuerst einen Plattenvertrag haben müsse, bevor man ein Myspace-Profil anlegen darf, wäre auch etwas absonderlich, oder?

Viel Musik, unkomplizierte Technik - dieses Konzept katapultierte Myspace zum Erfolg.

Ich war wie gesagt ein paarmal drauf und fand die “Technik” grauenhaft kompliziert. Bin halt nicht mehr Zielgruppe. Neulich sassen wir zu viert beim Mittagessen, und ich war der einzige ohne Myspace-Account (die anderen drei legten allerdings Wert auf die Feststellung, sie hätten “nur getestet”).

Web-Karaoke-Clip “Barbie Girl” von Tessa und Lynne. Wettbewerb auf Gidol.com gewonnen.

 

Lustig ist, wie das Thema Blogs eingeführt wird - via Flickr. Oder im DTP ist ein Absatz rausgeflogen. Der Text läuft wie folgt:

“Mehr als vier Millionen Hobbyfotografen weltweit legen sich Alben an, versehen ihre Fotos mit Schlagwörtern (…) und debattieren ihre Motive.
Die Wirtschaft reagiert auf diese Entwicklung. Agenturen und PR-Firmen raten ihren Firmenkunden dazu, die Blogs für sich zu nutzen.”

Aha. Der ganze Blog-Absatz geht wie folgt:

Die Wirtschaft reagiert auf diese Entwicklung. Agenturen und PR-Firmen raten ihren Firmenkunden dazu, die Blogs für sich zu nutzen. Besonders aggressiv geht die US-Agentur Pay Per Post vor. Auf deren Web-Seite können Blogger Geld verdienen, indem sie Beiträge verfassen. So erhält jemand, der über ein Diätprogramm schreibt, vier Dollar. Die Empfehlung eines Kinderbetts ist zehn Dollar wert. Als ?Blogstrich? bezeichnen das viele Blogger.

63 Wörter über Blogs auf einer 13-Seiten-Strecke (am Ende kommt nochmal was Kurzes in einem Interview). Wäre man nicht befangen, könnte man offen sagen, dass das eher wenig ist.

Unter dem Begriff ?eShopping 2.0? können sich Kunden des Versandhändlers Otto online über die Qualität der Ware oder ihre Erfahrungen
mit Artikeln austauschen.

Ich glaube, sie tun das unter dem Begriff “Kundenkommentare”, der Begriff “eShopping 2.0″ ist von SinnerSchrader. Online ist es. Zur Stretch-Jeans mit Destroyed-Effekten kann man Bewertungen abgeben. “sitzt super, sieht super gut aus, macht eine tolle Figur, kann ich jedem empfehlen, der ein Jeans Fan ist”, schreibt Stefanie Stürenburg aus Dornum. Aber… Gibt es das nicht beim Amazon seit 1996?

Der Autobauer BMW wiederum dreht für das Internet spezielle Kurzfilme, in denen beispielsweise Chefdesigner Chris Bangle das Design des neuen
BMW Z4 Coupé erläutert.

Paidcontent.org

Gleichzeitig explodieren die Preise. (…) Google wird gegen Zahlung von stolzen 900 Millionen US-Dollar knapp drei Jahre lang die exklusive Suchmaschine auf Myspace sein.

Auch. Aber das entscheidende an diesem Deal ist doch, dass Google die Werbung auf Myspace exklusiv vermarket.

Lars Hinrichs, der derzeit am prominenteste deutsche Web-2.0-Vertreter, ist zumindest im Artikel (hinten kommt nochmal eine Infobox) eher inadäquat untergebracht:

Eher skeptisch betrachtet Lars Hinrichs, Gründer von OpenBC, einer erfolgreichen Internet-Plattform für berufliches Netzwerken, die Entwicklung in den USA: “Viele Venture-Capital-Fonds stecken schon wieder zu viel Geld in Firmen ohne nachhaltiges Geschäftsmodell”, moniert der Hamburger.

Hinrichs selbst hat ja mit seinem deutschen Startup ein sehr nachhaltiges Geschäftsmodell, das mit seinen beeindruckenden Zahlen auch in den Artikel eines deutschen Nachrichtenmagazins gehört hätte und nicht nur in einen Textkasten.

Selbst die grossen Portale kämpfen mit Problemen. “Dauerhaft erfolgreich sind nur die Communities, die auh einen Nutzen bieten wie Myspace mit seiner Musik oder das US-Studentenportal Facebook, auf dem Mitglieder die Handynummern ihrer Kommilitonen finden”, warnt Leybold.

Myspace = Musik, das hatten wir oben schon. Aber Facebook = Telefonverzeichnis? Hier scheint mir, es habe jemand noch ganz grundsätzliche Probleme mit dem Verständnis der Vielschichtigkeit von Online-Communities.

Besonders die Video-Community Youtube überzeugt nicht jeden. “Das wird entweder ein Riesenerfolg oder gar nichts”, unkt Leybold.

Na ja, da ist natürlich ein Wochenmagazin schon wieder wenig aktuell - wobei die Gerüchte ja schon vor Erscheinen broselten. Am Dienstag war der Deal Google - Youtube zumindest mal in allen deutschsprachigen Hauptnachrichtensendungen. Ob es für Google der Riesenerfolg wird, wird sich noch zeigen, aber zumindest für die Gründer ist es definitiv nicht gar nichts.

So zerkaute unlängst in einem Youtube-Video ein Mann genussvoll den Kopf einer lebenden Maus im Mund.

Natürlich kann man sowas rausgreifen, aber für mich ist das Web-1.0-Berichterstattung reloaded, im Stil von RTL explosiv: “Internet, das ist nur Porno und Rechtsradikale”.

Peter, einen 79-jährigen Rentner aus Großbritannien, zieht es jedoch eher zur Jugend. Geriatric1927, wie sich der Brite mit Bezug auf sein Geburtsjahr nennt, war wochenlang der Hit auf Youtube. Dort, wo sonst die Teenies Teddys tanzen lassen, monologisiert Peter in etwa fünfminütigen Videosequenzen vom Lehnstuhl aus seinem Wohnzimmer. ?Hello, Youtubers?, grüßt er stets höflich und erzählt dann aus seinem Leben in mittlerweile 23 Folgen.

Cool. Muss ich mal anschauen.

Man könnte noch Sachen schreiben zu dem tollen Glossar; das mache ich vielleicht noch, aber ist sowieso alles schon viel zu lang.

Fazit (Update auf berechtigten Wunsch von Leo): ch habe in General-Interest-Magazinen schon deutlich schlechtere Artikel zum Thema bzw. generell zum Thema Internet gelesen. Richtig schlimme Fehler macht er nicht. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass der Artikel sein Ziel verfehlt: Was soll ein Leser, der sich bisher nicht viel mit der Materie beschäftigt hat, hinterher über Web 2.0 denken? Einerseits, dass Web 2.0 vor allem aus YouTube besteht (das allerdings vielleicht ein totaler Flop wird). Andererseits, dass wieder Leute versuchen, mit abstrusen Ideen viel Geld zu verdienen. Drittens, dass das für Ottonormalverbraucher alles nicht wahnsinnig relevant ist. Wenn aber nur das hängen bleibt, ist leider viel Potenzial verschenkt. Dass nämlich das Web erwachsener geworden ist, dass man viele Dinge heute besser weiss als früher, und dass das letztlich alle (erfolgreichen) Websites betreffen wird, das hat sich leider immer noch nicht rumgesprochen. Wenn ich heute aktuelle Launches oder Relaunches sehe (wie trauer.de), muss ich feststellen, dass auch viele eigentlich unmittelbar betroffene Entscheider und Umsetzer noch nicht viel dazu gelernt haben. Da die also offenbar Blogs nicht lesen, wäre es gut, wenn auch mal wenigstens ansatzweise im Focus stehen würde, worum es eigentlich geht.

Ein anderes Ziel erreicht der Artikel vielleicht, vor allem im Glossar, nämlich mit seinem meist spöttischen Unterton alles ein wenig ins Lächerliche zu ziehen. Das hat das Thema allerdings wirklich nicht verdient, nicht nur wegen des Hypes.

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5 Kommentare zu diesem Artikel

  1. leo

    schrieb am 13. Oktober 2006 um 10:45 Uhr (#)

    Ja, lang ist er. Aber irgendwie fehlt mir der Punkt! Ich weiss jetzt welche Details dir am Artikel (nicht) gefallen haben. Aber wie ist der Artikel im ganzen? Muss ich ihn lesen? Was lerne ich daraus?

  2. Sebastian

    schrieb am 13. Oktober 2006 um 11:06 Uhr (#)

    Musst Du nicht. Was im Artikel steht, weiß man, die Menschen in der Geschichte kennt man. Kurz: Eine Geschichte in einem Nachrichtenmagazin ohne Nachricht.

  3. phogenkamp

    schrieb am 13. Oktober 2006 um 11:44 Uhr (#)

    OK, Leo, ich schreib noch ein Fazit.

  4. leo

    schrieb am 13. Oktober 2006 um 14:24 Uhr (#)

    Vielen Dank. Jetzt mach wenigstens dein Artikel Sinn ;-)

  5. Franziska Ebert

    schrieb am 16. Oktober 2006 um 23:20 Uhr (#)

    So so,
    es wird sich auch online kritisch mit dem Artikel im Focus auseinandergesetzt.
    Nun ja, ich muss sagen, eine “Führung durch die Welt des Internets” ist es nun wirklich nicht…


2 Trackbacks

  1. hogenkamp.com » Blog Archiv » Web 2.0 - “Focus”-Artikel bei “medienlese”
    (13. Oktober 2006 11:51)
  2. Focus (über) 2.0 » bjoern-hornemann.de
    (13. Oktober 2006 22:55)

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