NZZ will mehr Fun
Was auch passiert: meist ändert sich nichts und alles bleibt sich gleich. Jürg Scherrer zum Beispiel produziert alle paar Jahre einen Skandal. Nach den von ihm verspiesenen Zuckerminaretten wird er bestimmt bald auf weitere Ideen kommen, die Gemüter zu bewegen, die Münder zu öffnen, die Köpfe zum Schütteln zu bringen und die Zeigefinger ausfahren zu lassen. Punk wurde ja kürzlich auch schon 30 und “never dies”.
Nun zeigt aber die alte Tante von der Falkenstrasse, die Neue Zürcher Zeitung, plötzlich ungewohnte Seiten:
Was für eine Zeitung die NZZ ist, war bisher mehr oder weniger klar. Sie sei “meist von Finanzheinis gelesen, aber geschrieben wie Schulaufsätze. Eine einzige Bleiwüste.” meint beispielsweise Bloggerin rage hier. In den Kommentaren dazu wird geschrieben, die Zeitung sei “kein Boulevard”, jedoch “zu lieblos - den Worten gegenüber - zu humorlos oder zu besserwisserisch”. Diese von vielen Lesern geteilte Meinung einer grossen grauen Maus, auf die aber Verlass ist, scheint nun ins Wanken zu kommen.
Waren wir nicht alle davon überzeugt, die NZZ sei Partei für alle stillen und unaufgeregten Schaffer, für zwar biederes, doch am Ende solides und ergebnisorientiertes Auftreten? Wer nun diesen Text über das Verhalten der Parlamentarier in ihrer Herbstsession in Flims liest, muss ernstlich daran zweifeln, ob das auch weiterhin die Haltung ist.
Was ist passiert? Ist gute Laune eingekehrt, seit sich Hugo Bütler nach über zwanzig Jahren emsigem Werken zurückgezogen hat und Markus Spillmann am 1. April 2006 die Chefredaktion übergeben hat? Wer aufgrund des Kürzels “spi.” meint, letzterer habe den betreffenden Text geschrieben, darf sich jedoch nicht täuschen lassen. Der Chef unterschreibt seine Texte mit dem natürlich ganz wertneutralen “msn.”. Geschrieben hat die flotte Wellness Ruth Spillmann, die der vom Printprodukt getrennten Redaktion von NZZ Online angehört und eine klare Meinung formuliert:
Die zur Schau getragene Grundhaltung «Wir sind doch zum Arbeiten hier» war wohl völlig falsch verstandene Bodenständigkeirt und Volksnähe. Denn welcher Büezer würde es nicht auch auskosten, wenn er mal gratis etwas Luxus geniessen darf. Bilder von fröhlichen, entspannten Volksvertretern, die ungeniert im Bade planschen oder in der Herbstsonne die Beine hochlegen, hätten viele Sympathiepunkte gebracht. So aber wurde ein vielversprechendes Szenario verschenkt. Die National- und Ständeräte bedienten aus Angst vor Entgleisungen allesamt das verstaubte Klischee – arbeitsam und langweilig.
Was bloss ist hier aus der Bodenständigkeit geworden.
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