Blick:
Wende in Ausländerfragen

Ronnie Grob, 26. September 2006 13:41 Uhr, 4 Kommentare Kommentare

In den Jahren 1980 bis 1986, als Peter Übersax Chefredaktor des Blicks war, galt die Schweizer Boulevardzeitung als echtes Revolverblatt, mit viel Sex & Crime und einer ausländerfeindlichen Haltung. Nach dieser Ära wandelte sich das der Blick nach und nach in eine Zeitung mit “linksbürgerlicher Ausrichtung” (Wikipedia), der Boulevard verschob sich nach links (Kommentar bei Blattkritik).

Nun versucht der Blick offenbar, das von Peter Übersax geforderte “gesunde Volksempfinden” umzusetzen und kündigt in der heutigen Ausgabe “Der grosse Ausländerreport” an, eine Serie von noch unbekannter Länge, die bis sicher Samstag dauern wird.

Auf der Seite 2/3 erfährt der Leser im Titel: “Sechs von zehn Schweizer finden: Jetzt reichts!”. Abgesehen vom fehlenden Dativ ist das eine abrupte Kehrtwendung des Blicks und damit des Ringier-Verlags, der die Wochen vor der eidgenössischen Abstimmung zum Asyl- und Ausländergesetz nichts unversucht gelassen hat, die Meinung seiner Leser gegen diese Vorlagen zu wenden.

So heuerte Blick die Schwester von Justizminister Christoph Blocher an, um ihm auf Seite 2 in einem offenen Brief eine Moralpredigt zu halten. Judith Giovanelli-Blocher sprach darin ihren Bruder mit “Blocher” an, was auf ein distanziertes Verhältnis der Geschwister weist, aber auch eine Zusammenarbeit mit der Redaktion andeuten könnte.

Die Verlagsschwester Schweizer Illustrierte (Boulevard im Zeitschriftenformat) versammelte volle fünfzig Prominente wider das Gesetz, die in kurzen Statements ihre Abneigung dagegen kundtaten, darunter auch Geistesgrössen wie Martin Suter (aus Guatemala und Ibiza) oder Peter Bichsel (aus Solothurn).

In der Serie erfährt man auch, vor wem sich die Schweizer fürchten:

Der Prototyp des bedrohlichen Ausländers ist gemäss verschiedener Studien der Kosovo-Albaner. Er wird mit allen Negativ-Klischees beladen. “Kosovo-Albaner - das heisst Krieg, Armut und Gewalt”, weiss Cattacin. Vor ihnen haben wir Angst. Frauen wechseln nachts die Strassenseite, wenn ihnen eine Gruppe junger Kosovaren entgegenkommt.

Der Fingerzeig auf einzelne Bevölkerungsgruppen ist ungewohnt, aber im Trend, wie auch ein Gastbeitrag eines Oberstufenlehrers aus Biel in der Weltwoche der letzten Woche zeigt. Wir werden mit einer Debatte darüber rechnen dürfen, ob solche Äusserungen rassistisch sind oder nicht. Einen Anfang dazu hat Güzin Kar gemacht.

Gestern noch räumte Blick der von den meisten anderen Medien auf den Titel gesetzten Meldung zu den Abstimmungsergebnissen nur einen kleinen Kasten mit einem “Blocher im Hoch” ein und äusserte sich erst auf Seite 10/11 ungewohnt förmlich zum Thema. Heute also der Bruch mit der alten Haltung und der opportunistische Übergang zu einer Neuen.

Auf Seite 8 der heutigen Ausgabe wird dann auch noch Swisscom-Präsident Markus Rauh unglaublicher Ausreden bezichtigt und wegen getätigter Put-Optionen unter Insider-Verdacht gestellt. Markus Rauh kämpfte im Wahlkampf Seite an Seite gegen die neuen Gesetze und profilierte sich dabei als sogeannt “guter Manager” (wie von Nationalrat und Hardliner Ulrich Schlüer portiert, soll er gesagt haben, er schäme sich, dass die Schweiz arme Fremde verhungern, verdursten und erfrieren lasse). Ausgerechnet dieser Markus Rauh wird also ausgerechnet zwei Tage nach der gemeinsam verlorenen Schlacht an den Pranger gestellt. Wir nehmen natürlich an, Blick habe über diese Information nicht vor dem Abstimmungswochenende verfügt.

Die Annahme hingegen, die Gesetze würden angenommen, muss sich in der Blick-Redaktion schon vorher verfestigt haben oder werden solche Serien mit Ausblick auf die ganze Woche tatsächlich am Montagnachmittag geplant? Wir wissen es nicht, doch wir bleiben dran, liegt doch der Blick die nächsten sechs Wochen täglich in unserem Briefkasten. Wer uns ein Abo irgendeiner deutschsprachigen Publikation zukommen lassen möchte, der sei davon nicht abgehalten und melde sich unter der bei Kontakt angegebenen E-Mail-Adresse.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

  1. sexy und fun-da-mental

    schrieb am 26. September 2006 um 14:30 Uhr (#)

    “Der Prototyp des bedrohlichen Ausländers ist gemäss verschiedener Studien der Kosovo-Albaner. Er wird mit allen Negativ-Klischees beladen. ?Kosovo-Albaner - das heisst Krieg, Armut und Gewalt?, weiss Cattacin. Vor ihnen haben wir Angst. Frauen wechseln nachts die Strassenseite, wenn ihnen eine Gruppe junger Kosovaren entgegenkommt.”

    Hmm…tatsächlich, diese gerüchte/geschichten hörte man immer wieder.
    Vielleicht gilt auch hier: wo rauch ist, ist auch feuer…

  2. gebsn

    schrieb am 26. September 2006 um 15:04 Uhr (#)

    Rauch und Feuer, liebe S’AND’F-D-M.? Gerüchten zufolge gibt es Gespenster und Marienerscheinungen, war die Mondlandung ein Fake, fliegen UFOs herum etc. pp. Ist’s deshalb wahr?

    Was heute die Kosovo-Albaner, waren davor die Türken, die Tamilen und die Italiener, bevor sie mit der Zeit “gute” Ausländer wurden.


2 Trackbacks

  1. medienlese » Blog Archiv » Ausländerwoche beim Blick
    (27. September 2006 20:59)
  2. medienlese » Blog Archiv » Am Rand erwähnt und falsch geschrieben
    (9. Oktober 2006 10:37)

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