Thementerror täglich

Ronnie Grob, 2. September 2006 23:19 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Ganze zwei Wochen (ab dem 12. August 2006) segelte Günter Grass durch die hiesigen Medien mit einer Sommer-PR-Aktion, die nur Gewinner hervorzauberte: Aufmerksamkeit und Profilierung für Günter Grass, seine Gegner, seine Freunde sowie erhöhte Umsätze im Buchwesen. Die Journalisten wussten, über was zu schreiben ist und die Feuilletons konnten ihre, je nach Sichtweise, Unwichtigkeit oder Wichtigkeit unterstreichen, insbesondere die F.A.Z., die die Geschichte ins Rollen brachte.

Da traf es sich hervorragend, dass, als nur noch der Assistenzbibliothekar von Danzig oder eine entfernte Cousine von Grass noch nicht um ihre Meinung zu dem in den Akten schon immer vorhandenen Zeugnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS gebeten worden waren, am 23. August 2006 die 1998 entführte Natascha Kampusch auf einem österreichischen Polizeiposten auftauchte.

Also alle Reporter auf nach Österreich! Als sie sich da eingefunden und gehörig das Opfer, die Polizei und die Nachbarn genervt hatten, schrieb die Wiederaufgetauchte in einem Brief an die Medien, sie sollen sie doch bitte in Ruhe lassen und keine intimen Fragen stellen. Dass das nicht geht, versucht nun Harald Staun dem Opfer in einem offenen Brief, in dem er für die F.A.Z. schreibt, doch für die Medien als ganzes spricht, zu erklären.

Wir glauben, daß die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, Ihre Geschichte zu erfahren - ob Sie das wollen oder nicht. Wir glauben, daß sie relevant ist, weil sie für einen größeren Zusammenhang exemplarisch ist, für die Abstumpfung der Gesellschaft, für das Versagen der Polizei, für neue Formen der Gewalt - suchen Sie sich was aus.

Ja, Frau Kampusch, suchen sie sich doch was aus. Es könnte aber auch sein, dass sie die eigenen Bedürfnisse über die der Weltöffentlichkeit stellen. Nach acht Jahren Isolation soll man verpflichtet sein, die ganze Welt zu bedienen? Das ist man nicht, auch wenn der Markt, entstanden durch die vermeintlichen Bedürfnisse der Medienkonsumenten, das fordert.

Richtig ist: die Öffentlichkeit hat nicht nur ein Recht darauf, die Geschichte zu erfahren, sie ist auch dazu gezwungen. Wer gerne Zeitungen liest, TV guckt oder Radio hört, aber nichts mitbekommen möchte von Günter Grass oder von Natascha Kampusch, sondern lieber nur Dokumentationen über turkmenische Frauen sehen oder meinetwegen über die neusten Preisentwicklungen auf dem Weltpapayamarkt informiert werden möchte, hat keine Chance, dem, sagen wir mal, Thementerror zu entkommen. Er muss wissen, wie ein Mädchen 8 Jahre später aussehen könnte und wie genau die Ehrenbürgerwürden verteilt und wieder entzogen werden.

Dazu kommt nach zwei Wochen Dauerverhandlung das Phänomen, dass jeder alles über diese Person sagen kann und das auch tut, weil sie wie die A-Prominenz zum absoluten Allgemeingut wird, im Unterschied vielleicht, dass ein George W. Bush sich selbstgewählt acht Jahre in so einen Zustand begibt, ein Medienopfer hingegen unfreiwillig in so eine Situation gerät. Als Beispiel dazu lesen wir einen Eintrag im Firmenweblog von PR-Berater Klaus J. Stöhlker, der, soweit ich das richtig verstehe, damit aber eher andere PR-Berater an den Pranger stellen wollte:

Ja, liebe Natascha. Ich glaube, wir sollten mehr junge Menschen acht Jahre in enge Stuben einsperren; es steigert die Ausdrucksfähigkeit.

» Weitere Artikel der Kategorie "News" lesen

» Nächster Artikel: 6 vor 9
» Älterer Artikel: Reaktionen auf Österreich

» Drucken
» Merken/E-Mail

0 Kommentare zu diesem Artikel


1 Trackback

  1. Medienlese » Blog Archiv » Am wärmenden Lagerfeuer der gemeinsamen Themen
    (12. September 2006 15:21)

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
slug blogoscoop