Ist die Pornokritik im Tages-Anzeiger gesponsert?

Ronnie Grob, 14. August 2006 22:29 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Der Tages-Anzeiger hat diesen Sommer etwas aufgeheizt. Am 17. Juli 2006 erschien auf der Lifestyle-Seite “Bellevue” die erste Folge einer Serie, die sich so ankündigte:

    Bellevue macht den Sommer noch etwas heisser: In diesen Wochen beschäftigen wir uns in loser Folge mit den nackten Tatsachen der Pornografie. Wir beglücken Sie mit Filmkritiken, gesellschaftlichen Analysen, Reportagen und mehr.

Damit hat der Tages-Anzeiger ein in Tageszeitungen neues Feld der Kritik eröffnet; eine Herausforderung, weil es anders als gesellschaftlich voll und ganz akzeptierte Formen eine gewisse Distanzierung verlangt. Ist der Ruf eines Bücherwurms für einen Literaturkritiker und der Ruf einer Filmsaaleule für einen Filmkritiker schon fast ein vorauszusetzendes Attribut, möchte sich, so nimmt man an, kaum ein Journalist, kaum eine Journalistin als Experte, als Expertin für Pornofilme zeigen.

Wir haben die bisher erschienen zehn Folgen gelesen und folgende Herangehensweisen in dieser für Tageszeitungen doch sehr neuen Disziplin beobachtet:

Folge 1: Nina Scheu nimmt 20 Stunden Rezensionsmaterial nach Hause, drückt schnell mal die Vorlauftaste und gibt darauf aus Zeitmangel die restlichen Filme ihren Kollegen und Kolleginnen ab.

Folge 2: Thomas Wyss behauptet, den zu rezensierenden Film zum Geburtstag geschenkt gekriegt zu haben, denn sonst wäre ihm Rocco Siffredis sprizige Suspense für immer verborgen geblieben.

Folge 3: Simone Meier distanziert sich nicht, sondern macht Inhaltsangaben mit Wertung; eine solide, nüchterne Filmkritik.

Folge 4: Ralf Kaminski schreibt in einem flotten Beitrag über eifersüchtige Frauen, Pärchen, die Beratung wünschen und die verschiedene Haltung von Heteros und Homos.

Folge 5: Endlich ein Film mit Handlung! Das macht dann auch ein Text dazu leichter.

Folge 6: Sascha Renner hat Artcore gesehen und macht dabei Huldigungen an die Musikvideo- und Gameästhetik aus.

Folge 7: Daniela Janser macht den Test von verschiedenen Vibratoren nicht im Selbstversuch, sondern mit einer Internetrecherche. Eine Art von Distanzierung, wie wir sie wohl alle nachvollziehen können.

Folge 8: Trotz eintönigem Ablaufplan ist der besprochene, im alten Rom spielende Film wieder einer mit Handlung. Moniert werden Spanferkel und Trauben aus Plastik.

Folge 9: Tertia Hager macht einen Besuch im Synchronisationsstudio, wo zur Nachbildung von Geräuschen ein Früchtekorb bereitsteht. Ein erfrischender, witziger Beitrag.

Folge 10: Simone Meier gibt Tipps gegen vorzeitige Hautalterung und empfiehlt den vorliegenden Film, weil darin nicht billige Frauen, teure Männer-Models, echte Interieurs und schöne Wäsche vorkommen.

Folge 11 erscheint in den nächsten Tagen, wenn der “heisse Sommer” denn nicht schon vorbei ist. Abschliessend kann man sagen, dass die doch schwierige Aufgabe sehr gut gelöst wurde. Für meinen Geschmack waren die Kritiken weder plump noch anbiedernd. Die Texte sind leider alle online nur kostenpflichtig verfügbar. Sucht man im Internet nach deutschsprachigen Vergleichen, so sind da nur mit kommerziellen Angeboten verknüpfte Kurzbeschreibungen und das bald wieder eingestellte Projekt pornokritik.de zu finden.

Als Reaktionen darauf wurden am 28. Juli 2006 vier Leserbriefe abgedruckt, welche die Pornografie als Ganzes in Frage stellen und sich gegen die unterstellte Verklemmtheit von Heterosexuellen wehren. Wie sehr Porno 2006 Massenkultur ist, zeigt sich an den fehlenden Einwänden gegen den Abdruck von Pornokritiken und an den nicht erfolgten, nicht öffentlich erfolgten Aufschreien und Aboabbestellungen (man stelle sich das Gleiche vor zwanzig oder vor fünfzig Jahren vor).

Wermutstropfen in der gelungenen Serie ist der Verdacht, sie sei vom Schweizer Pornofilmversand orgasmik.ch gesponsert oder gar initiiert worden. Dieser erscheint in den Texten zuerst als Bezugsadresse, später als unkommentierter Link, was bei der unüberschaubaren Fülle von Erotikangeboten im Internet einem klaren Product Placement gleichkommt. Es ist nicht klar, ob orgasmik.ch etwas dafür bezahlt hat, in jeder Serie als einziger Anbieter genannt zu werden oder ob die Redaktion einsilbig das immer gleiche Kaufangebot verlinkt. Steht ausgerechnet der feminismusgestählte und kapitalkritische Tages-Anzeiger im Verdacht, Schleichwerbung zu machen für eine Industrie, die ihr Geld mit der angeblichen Unterdrückung der Frau verdient?

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    (28. Oktober 2006 22:24)

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